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Geschichte

Informationen

So abwechslungsreich wie seine Landschaft, so abwechslungsreich ist auch die Geschichte Kenias. Die ursprüngliche Bevölkerung dieses Teils von Ostafrika, der heute Kenia heißt, beeinflusste den Gang der Geschichte ebenso wie die verschiedenen Einwanderungswellen aus Europa, Asien und aus anderen afrikanischen Ländern.
Kenias Geschichte und Kultur beginnen in prähistorischen Zeiten. Archäologische und paläo-anthropologische Funde auf Rusinga Island im Viktoria-See, bei Fort Ternan und am Turkana-See belegen, dass in Ostafrika die vieldiskutierte „Wiege der Menschheit" stand. Denn hier entdeckten die Ausgräber alle wichtigen Entwicklungsstufen des Menschen - vom Urmenschen bis zum Homo sapiens. Einer der bedeutendsten Fundplätze ist das Gebiet des Turkana-Sees, wo man Steinwerkzeuge und Skelettreste mit einem Alter von über zwei Millionen Jahren entdeckte. Die Entwicklung des prähistorischen Menschen und seiner Kultur in Ostafrika Iässt sich in die großen Epochen Steinzeit, Jungsteinzeit und Eisenzeit unterteilen.

Beschreibung:

Früheste Funde in Koobi Fora
Die Steinzeit beginnt in Kenia vor rund zwei Millionen Jahren und wird vor etwa
10 000 Jahren von der Jungsteinzeit abgelöst. Vor etwa 2000 Jahre setzt dann die Eisenzeit ein, die erst mit der Kolonialisierung Ostafrikas ein Ende findet.
Die Steinzeit lässt sich noch einmal in die Großabschnitte Alt- und Mittelsteinzeit und diese wiederum in verschiedene Einzelperioden unterteilen. Die früheste Phase der Altsteinzeit, das Altpaläolithikum, ist in erster Linie durch Werkzeuge aus handgroßen Kieseln und Steinklötzen gekennzeichnet. Die ältesten Zeugnisse dafür stammen aus Koobi Fora, östlich vom Turkana-See; ihr Alter liegt bei etwa zwei Millionen Jahren. Die zweite Phase, das sogenannte Jungpaläolithikum, beginnt vor ungefähr einer Million Jahren. Charakteristisch dafür sind beidseitig bearbeitete Werkzeuge; wie man sie unter anderem bei Olorgesailie in der Nähe des Magadi-Sees und in Kariandusi am Elementaita-See ausgegraben hat. Die Archäologen haben dort ihre Funde „in situ“, das heißt an den originalen Fundplätzen, belassen, so dass die heute für jedermann zugänglichen Ausgrabungsstätten überaus interessante Freilichtmuseen geworden sind.
Die mittlere Steinzeit ist gekennzeichnet durch das Aufkommen verbesserter Methoden zur Herstellung von Steinwerkzeugen. Das erlaubte die Fertigung von kleineren, ausgeformteren und verfeinerten Stücken. Vor etwa 15 000 Jahren verbreiteten sich noch entwickeltere Techniken und Methoden der Werkzeugherstellung, die das Einsetzen der Endphase der Steinzeit andeuten. Hier herrschen verschiedene Formen sehr kleiner Steinwerkzeuge vor, die in der Fachsprache Mikrolithe heißen. Charakteristisch ist eine kleine Sichel mit einer scharfen Schnittfläche. Daneben gibt es auch Ahlen zum Nähen sowie spezielle Schab- und Ritzwerkzeuge.
Für die Menschheitsgeschichte von größter Bedeutung ist die Periode der Jungsteinzeit. Im Lauf dieser Epoche nämlich begannen die alten Jäger- und Sammlerkulturen gezielt damit, Tiere zu domestizieren und Ackerbau zu treiben. Und das bedeutete nicht weniger als den umwälzenden Schritt vom Jäger- und Sammlerdasein zur Hirten-und Bauernkultur, der letztlich Vorausetzung für alle späteren Entwicklungsschritte war. Zwar gibt es in Kenia für die früheste Phase der Jungsteinzeit keine direkten Beweise für die Existenz Ackerbau treibender Völker, um so mehr jedoch für die Existenz von Hirtenstämmen.

Funde von Tierknochen belegen, dass Rind, Schaf und Ziege bereits zu den domestizierten Arten gehörten. Zu den Werkzeugen und Geräten, die man in Gebrauch hatte, zählen: geschliffene Steinklingen für Äxte verschiedener Machart, Mikrolithe und andere Steinwerkzeuge, Mahlsteine, steinerne Schüsseln und Flachteller, Töpferwaren, Holzgefäße und Perlen aus Knochen, Kieseln und Kernen. Die Keramik weist verschiedene Formen und Größen auf, und auch die angewandte Dekorationstechnik variiert stark, wobei man eine Stichel- und einfache Stempeltechnik bevorzugte.

Die Eisenzeit
Die Eisenzeit ist das Zeitalter, das durch den neuen Werkstoff Eisen und seine vielfältigen Einsatzmöglichkeiten in der Werkzeug- und Waffentechnik geprägt ist. Da Eisen im Lauf der Zeit korrodiert, finden Archäologen nur selten gut erhaltene Eisengegenstände. Doch den Beweis für die Techniken der Eisenverarbeitung liefern Eisenschlacken und Funde spezieller Rohre für die Blasebalgschnäbel. Daneben kamen auch vereinzelt Eisenwerkzeuge zutage, häufiger sind aber auch für diese Zeit Artefakte aus Stein, Keramik, Perlen sowie Schafs-, Ziegen- und Rinderknochen. Die bedeutendste Fundgruppe stellt die Keramik dar, die den Archäologen eine chronologische Feindatierung dieser Ära erlaubt.
Die frühe Eisenzeit ist durch Töpferware gekennzeichnet, die mit feinen Einstichen und Rillen dekoriert ist, die Vertiefungen, Erhebungen und unten abgerundete Dreiecke bilden. Eine zweite Gruppe eisenzeitlicher Keramik, die aus dem Ende des ersten nachchristlichen Jahrtausends stammt, ist offensichtlich in seiner Herkunft auf das Turkwell-Becken beschränkt. Dort verzierte man die einzelnen Gefäße mit Rillen in verschiedenen Abstufungen. In Zentralkenia gibt es eine dritte Gruppe, die sich dadurch auszeichnet, dass die Gefäße hauptsächlich in einer einfachen Stempeltechnik bearbeitet sind.

Die Einwanderer
Die nicht-afrikanischen Volksgruppen Kenias treten zum ersten Mal mit den Arabern des 7. Jh. in Erscheinung — zunächst nur als Auswirkung der Handelsverbindungen zwischen der ostafrikanischen Küste und dem Orient. Doch der Aufstieg des Islams und Unruhen in Ländern wie Oman, Iran oder Syrien führten schließlich zu einer großen Auswanderungsbewegung, die die Orientalen scharenweise in die Küstengebiete Ostafrikas führte.
Eine Immigration moslemischer Araber in die Küstenregion lässt sich bereits für das 8. Jh. n. Chr. nachweisen. Aus der Vermischung dieser moslemischen Einwanderer mit der einheimischen afrikanischen Bevölkerung gingen die Vorfahren der heutigen Suaheli-Völker hervor. Der Handel zwischen Ostafrika und dem Nahen Osten, ja sogar dem Fernen Osten, erlebte in den folgenden Jahrhunderten einen großen Aufschwung. Und als im 15. Jh. n. Chr. die frühen europäischen Entdeckungsreisenden an der Küste eintrafen — die ersten von ihnen waren Portugiesen -hatten die reichen Stadtkulturen bereits eine 300jährige Blütezeit hinter sich, von der noch heute zahlreiche Moscheen und die ersten aus Stein erbauten Häuser und Städte an der ostafrikanischen Küste zeugen.
Seit Ende des 19. Jh. — im Zuge der Erforschung Afrikas, seiner Missionierung und kolonialen Besiedelung - kamen dann zahlreiche Angehörige anderer Nationen, vorwiegend Engländer, Inder und Pakistani ins Land.


Die Suaheli- und Azani-Kultur
Die Handelsbeziehungen der Küstenbewohner zur islamischen Welt und
anderen orientalischen Völkern wie Chinesen, Indern oder Indonesiern prägten eine Zivilisation mit sehr eigenen Zügen: die Suaheli-Kultur, deren geistiger Mittelpunkt das islamische Weltbild ist. Charakteristisch für die Suaheli-Architektur in Kenia sind Bauten aus Korallenstein mit ihren unverkennbaren makuti-Dächern aus Palmwedeln.
Die Handelszentren der Suaheli lagen über die gesamte Küstenlinie verstreut, wo sie sich zu regelrechten Stadtstaaten entwickelten. Über 20 Küstenstädte existierten unabhängig voneinander, auch wenn sie immer wieder neue Bündnisse eingingen, die heute diese, morgen jene Stadt zum Mittelpunkt werden ließen. So galten im Lauf der Geschichte abwechselnd Pate, Lamu oder Faza als stärkste Stadt der Ostküste.
Die Einwohner dieser Stadtstaaten stellten Keramik her, bearbeiteten Eisen
und schulen bautechnische Meisterwerke wie etwa in Manda, wo man eine Mauer aus monolithischen Korallenblöcken errichtete, von denen jeder einzelne mehr als eine Tonne wiegt.
Während des elften Jahrhunderts gab es im Lamu-Archipel eine florierende Eisenhütte, war doch Eisen eines der wichtigsten Handelsgüter. An der Küste entstanden in jener Zeit immer neue arabische Ansiedlungen, so dass die Suaheli-Kultur zunehmend in den islamischen Einflussbereich geriet.
Parallel zur Blüte der Suaheli-Kultur entwickelte sich im Inneren Kenias die sogenannte Azani-Kultur. Sie ging vollkommen andere Wege, war von ganz und gar afrikanischer Prägung. Zu ihren bis heute erhaltenen Zeugnissen gehören Steinpaläste und monumentale Befestigungen. Archäologen haben Spuren von Steinmauern gefunden, Bodenvertiefungen, die so genannten Sirikwa-Löcher, außerdem Ruinen von Steinhäusern, uralte Bewässerungssysteme und Indizien für Terrassenanbau.
Das Verbreitungsgebiet der Azani-Kultur umfasste große Teile des kenianischen Binnenlandes, vor allem das Rift Valley und das westliche Hochland. Einige ihrer späteren Merkmale finden sich spurenweise im Distrikt South Nyanza und unter den Bukusu in den entlegeneren Teilen Westkenias. Dort gibt es die Bukusu-Forts, die ganz deutlich den Einfluss der Azani-Kultur verraten.

Die portugiesische Vorherrschaft
Als erste Europäer kamen Portugiesen an die kenianische Küste und bewirkten in der Folge den Niedergang der Suaheli-Herrschaft. Der berühmte Entdecker und Seefahrer Vasco da Gama landete 1498 auf der Suche nach dem Seeweg nach Indien mit seiner Flotte in Malindi. Viele weitere Portugiesen folgten ihm. Angelockt von den Reichtümern der ostafrikanischen Küste, umsegelten sie die Südspitze Afrikas, plünderten hemmungslos die wohlhabenden Stadtstaaten und kontrollierten schließlich für 200 Jahre deren Politik.
Einer der erfolgreichsten Portugiesen war Francisco d'Almeida, der 1505
mit 23 Schiffen gegen Mombasa zog und die Stadt in einem blutigen Gefecht unterwarf. Die benachbarte Stadt Malindi verhielt sich diplomatisch. Getreu ihrem Motto „Die Feinde Mombasas sind die Freunde Malindis" nahm sie die Portugiesen freundlich auf.
Wirtschaftlich ging es mit den Küstenstädten unter der portugiesischen Herrschaft bergab. Den ehedem florierenden Handel mit den arabischen Ländern rissen die Portugiesen an sich und leiteten ihn über Portugal nach Europa um. Jeder Widerstand der einheimischen Bevölkerung wurde rücksichtslos unterdrückt. Mombasa, wo seit 1593 Fort Jesus gegnerischen Angriffen trotzte, wurde zu einem der bedeutendsten Stützpunkte der Portugiesen an der Küste Ostafrikas.

Die neuen Herren der Küste
Wiederkehrende kriegerische Angriffe durch Eingeborene schwächten die Position der Portugiesen ebenso wie Seuchen und Versorgungsschwierigkeiten. Als sich 1696 das ebenfalls von den Portugiesen dominierte Sultanat von Oman mit den lokalen Herrschern Mombasas zu einem Aufstand verbündete, fiel Fort Jesus 1698 nach 15-monatiger Belagerung. Nun war die Siegerpartei aus Oman tonangebend an der ostafrikanischen Küste. Die Omani, obwohl Moslems wie die Suaheli, unterdrückten die Küstenbewohner jedoch bald ebenso skrupellos wie ihre Vorgänger. Nach einer Phase der Kooperation wuchs die Abneigung gegen sie sehr schnell, und die Bevölkerung reagierte mit Aufständen. Die Omani aber behielten die Macht. 1828 verlegten sie ihre Hauptstadt nach Sansibar und machten allmählich den Binnenhandel zu ihrer Domäne. War anfangs noch Elfenbein die wichtigste Handelsware, so tat sich bald der Sklavenhandel als lukrativste Einnahmequelle auf. 1836 waren Händler aus Sansibar schon bis zum Wakikuyu-Gebiet vorgestoßen, und 1854 hatten sie bereits die Grenzen des heutigen Kenia
hinter sich gelassen und Verbindungen mit Uganda aufgenommen. Bestochen mit Waffen und Glasperlen, überließen die Häuptlinge ihre Stammesgenossen der Sklaverei. Bis Ende des 19. Jh. wurden mehrere Millionen afrikanische Sklaven - hauptsächlich von Westafrika aus - in die Südstaaten Amerikas, nach Brasilien, in die Karibik oder auch nach Sansibar deportiert.
Der Einfluss der Omani nahm noch zu, als die Franzosen und die Briten die Inseln Reunion, Mauritius und die Seychellen besetzten und so neue Sklavenmärkte eröffneten. Das Engagement Großbritanniens im anschließenden Kampf gegen den Sklavenhandel hatte sicher nicht nur humanitäre Gründe, sondern diente auch als Vorwand, sich an der ostafrikanischen Küste zu etablieren und die Handelsrouten des omanischen Reiches unter Kontrolle zu bekommen. Offiziell wurde die Sklaverei 1873 verboten, bis der florierende Handel jedoch endgültig zum Erliegen kam, dauerte es noch fast zwei Jahrzehnte.
So bewegt sich die Geschichte der Küste bis ins 19. Jh. darstellt, so wenig
aufsehenerregend verlief über Jahrhunderte das Geschehen im Inland. Völkerbewegungen spielten sich dort nur zwischen den afrikanischen Stämmen ab, die teilweise von Ackerbau und Viehzucht lebten, teilweise aber auch als Nomaden durch das Land zogen.

Entdeckungsreisen
Das unerforschte Land im Inneren Afrikas lockte im 19. Jh. deutsche und britische Missionare, Entdecker, Händler und Wissenschaftler nach Ostafrika. Die Deutschen Krapf und Rebmann berichteten vom schneebedeckten Kilimandscharo; die Engländer Burton und Speke drangen zum Tanganjika-See vor, und Speke schaffte es danach ohne seinen erkrankten Partner bis zum Viktoria-See; der Schotte Thomson bereiste das Masai-Land, und Graf Teleki erreichte einen großen See im Norden, den er nach dem österreichischen Kronprinzen Rudolf-See (heute Turkana-See) nannte.
Das Wissen, das sie über Kenia zusammentrugen, legte den Grundstein für die spätere Kolonisierung. Auch die Missionare brachten nicht nur Positives in den Schwarzen Kontinent. Überzeugt davon, dass nur die europäische Lebens- und Religionsform das einzig Richtige sei, zerstörten sie bestehende soziale Gefüge. Parallel dazu gab es die Aktivitäten deutscher und britischer Handelsgesellschaften, die vor Ort Verträge mit den Häuptlingen abschlössen, die die Basis für die territorialen Ansprüche ihrer jeweiligen Heimatländer bildeten. So gründete Carl Peters die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft und zwang die Häuptlinge mit mehr oder minder rüden Methoden zum Abschluss der so genannten Schutzverträge.

Spielball der Kolonialmächte
Die Besitzansprüche Großbritanniens und Deutschlands lösten beträchtIGE diplomatische Aktivitäten aus. Großbritannien sicherte sich 1890 durch den Helgoland-Vertrag die Herrschaft über Sansibar, Kenia und Uganda. Die Deutschen erhielten im Gegenzug das vordem britische Helgoland und das heutige Tansania. Die Herrscher beider europäischer Länder konnten sich freuen, jeder besaß damit einen der afrikanischen Schneegipfel: Kaiser Wilhelm den Kilimandscharo und Königin Viktoria den Mount Kenya. Die damals festgelegten Grenzen bestehen weitgehend heute noch.
Anfangs regierten die Briten ihr neues Protektorat British East Africa von Sansibar aus. Doch faktisch überließen sie die Verwaltung erst einmal der Imperial British East African Company, die sich unter anderem um die Erhebung von Steuern zu kümmern hatte. Handelsposten wurden errichtet, die die Ausbeutung der wirtschaftlichen Ressourcen ermöglichen sollten. Und in Uganda winkten hohe Gewinne durch den Elfenbeinhandel, doch das Hauptproblem war der Transport vom Inland zur Küste.
Eine Eisenbahnstrecke sollte zunächst Mombasa mit Port Florence, dem heutigen Kisumu, verbinden. Die Arbeiten begannen 1 896. Diese Bahnlinie, die später nach Uganda verlängert wurde, sollte hauptsächlich die Transportkosten ins Landesinnere senken und so zur Entwicklung einer Plantagenwirtschaft beitragen. Mit der Eisenbahn kamen auch das Telefon und der Telegraf ins Land.
Der Bau der Eisenbahn durch das unwegsame Ostafrika war mit vielen Unbilden verbunden, seien es die steilen Hänge des Ritt Valley, menschenfressende Löwen oder Seuchen und Überfälle. Die meisten der über 30 000 Arbeiter kamen aus Indien, die ansässige Bevölkerung zog wenig Nutzen aus dem gigantischen Projekt.
Die extrem hohen Kosten des Eisenbahnbaus sollten sich auch bezahlt machen, und man warb deshalb für das vorher unzugängliche Hochland als Siedlungsgebiet und Farmland. In der Folge strömten zahllose Einwanderer nach Kenia, hauptsächlich aus Großbritannien, aber auch aus anderen europäischen Ländern. Die meisten von ihnen waren Farmer, die sich im „Weißen Hochland" große Ländereien aneigneten. White Highlands — das war ihr Name für diese fruchtbaren Gebiete, die lange Zeit den Weißen vorbehalten bleiben sollten.
Die weißen Siedler begnügten sich bei der Landnahme für ihre Farmen nicht mit den unbewohnten Gegenden zwischen den Stammesgebieten. Rücksichtslos wurde die afrikanische Bevölkerung vertrieben, und für viele blieb als einziger Ausweg, sich auf den Farmen der Weißen zu verdingen. Die militärische Überlegenheit der Europäer ließ der einheimischen Bevölkerung kaum eine Chance. Ein zusätzlicher Akt der Unterdrückung war die Zwangsregistrierung der Afrikaner mit der Auflage, eine Kennmarke, das ki-pande, mit sich zu führen. Die weißen Kolonialherren spielten ihre Rolle mit großem Erfolg. Billige Arbeitskräfte standen ausreichend zur Verfügung, die Kolonialregierung war immer bereit, mit Zuschüssen auszuhelfen, und das leichte Murren aus Europa bezüglich der Ausbeutung der afrikanischen Bevölkerung verklang ungehört. Der politische Anführer der Siedler war der legendäre Lord Delamere, der jedoch auch, wenn es um ausschweifende Feste ging, immer in der ersten Reihe seiner „Kenya Cowboys" stand. Aber nicht nur Farmer kamen damals nach Ostafrika. Jäger und Abenteurer, die von den unermesslichen Jagdrevieren und der aufregenden Landschaft gehört hatten, zog das Land ebenso an wie prominente Touristen, darunter Persönlichkeiten der großen Politik wie der US-Präsident Theodore Roosevelt oder Sir Winston Churchill.
Inzwischen hatte Großbritannien die Verwaltung von Sansibar nach Mombasa und 1907 in den ehemaligen Eisenbahnstützpunkt Nairobi verlegt. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, blieb das auch in Ostafrika nicht ohne Folgen. Hatten Briten und Deutsche hier doch eine gemeinsame Grenze, die eine Konfrontation unvermeidlich machte. Der Patriotismus der Briten ließ einen Großteil der Siedler zu den Waffen eilen. Auf Ponys, die als Zebras getarnt waren, zogen sie zusammen mit afrikanischen Rekruten gegen die Deutschen, die unter dem Kommando von Paul von Lettow-Vorbeck standen. Erfolg hatten sie mit ihrem Kriegszug letztlich nicht, denn Lettow-Vorbeck gelang es bis zum Kriegsende, seinen überlegenen Gegnern mit List standzuhalten.
Nach dem Krieg bauten die weißen Siedler ihre Position noch aus. So wurden die Rechte auf ihre Ländereien von bisher 99 auf 999 Jahre verlängert. Ein weiterer Zuzug britischer Einwanderer verschärfte die Situation. Vor allem das Land der Kikuyu wurde immer mehr von den Farmern besetzt. 1920 wurde Kenia offiziell britische Kronkolonie - mit Ausnahme des Küstenstreifens, der im Besitz des Sultans von Sansibar blieb, jedoch als Pachtgebiet an die Briten ging.
Wirtschaftskrisen verursachten 1921 eine Lohnkürzung für die Afrikaner. Außerdem wurde ihnen der Anbau von lukrativen Exportfrüchten verboten, um ihre Abhängigkeit zu vergrößern. Auch den anderen Farbigen, wie den zahlreichen Indern war es verboten, in den White Highlands zu siedeln. Doch die weißen Siedler sollten ihr Ziel, die Kolonie in ein selbstverwaltetes „Weißes Kenia" zu verwandeln, nicht erreichen. 1923 beschied die britische Regierung, dass Kenia ein afrikanisches Land sei und daher die Interessen der Afrikaner an erster Stelle zu stehen hätten. Doch die Realität sah lange noch anders aus.

Der Weg in die Unabhängigkeit
Die Afrikaner reagierten nun das erste Mal in ihrer Geschichte mit einem politisch organisierten Protest. Man gründete die Young Wakikuyu Association, aus der die East African Association hervorging. Die Organisation wurde jedoch bald verboten und ihr Führer Harry Thuku verhaftet. Dass die Kikuyu die ersten waren, die sich gegen die Kolonialpolitik wehrten, lag daran, dass sie am meisten unter der Landent­eignung zu leiden hatten. Andere politi­sche Gruppierungen und Parteien, ebenfalls nach Stammeszugehörigkeit gegliedert, folgten - vor allem in West-und Zentralkenia. Zwischen 1932 und 1938 entstanden überall im Land antikolonialistische Bewegungen, die für die Rückgabe des enteigneten Landes kämpften. Der Ruf nach Unabhängigkeit, in Suaheli Uhuru, verstummte nicht mehr. Von Anbe­ginn war Jomo Kenyatta einer der Füh­rer der entstehenden Unabhängigkeits­bewegung. Er reiste bereits 1929 zum ersten Mal mit einer Delegation nach London, um dort für die Interessen der Afrikaner Gehör zu finden.
Zur Verschärfung des Unabhängig­keitskampfes hatte beigetragen, dass die Briten 1914 Afrikaner für den Kampf in ihren Armeen rekrutiert hat­ten - eine Maßnahme, die sie 1939 wie­der ergriffen. Die schwarzen Soldaten, die in Kenia, Äthiopien, Indien und Burma gedient hatten, waren bei ihrer Rückkehr erfahrene Soldaten, die wussten, dass es auf die Durchsetzung ihrer Rechte ankam. Und schließlich trotzte der systematische politische Kampf der Afrikaner den Kolonialherren Zugeständnisse ab. So wurde 1944 Eliud Mathu als erster Afrikaner in die gesetzgebende Kammer berufen. Eben dieser Mathu war es, der 1946 die erste politische Bewegung ins Leben rief, die über Stammesgrenzen hinweg wirksam wurde, die Kenya African Association, später in Kenya African Union, KAU, umbenannt. Diese Organisation forder­te von der Kolonialregierung die Ein­stellung des kipande-Systems, gebüh­renfreie Schulen und die Erlaubnis, im Weißen Hochland zu siedeln, was Lon­don jedoch schlicht ignorierte. Zum Präsidenten der KAU wurde Jomo Ke­nyatta gewählt, der, nachdem er von 1931 an in England gelebt hatte, nach Kenia zurückgekehrt war. Die schlechte soziale und wirtschaftliche Lage verbitterte viele junge Kikuyu immer mehr, weshalb sie sich in Geheimbünden zusammenschlössen. Sie eröffneten einen Guerillakrieg ge­gen die Regierung, der unter den Na­men „Mau-Mau-Aufstand" in die Ge­schichte einging. Obwohl die Kenya African Union am bewaffneten Kampf nicht teilnahm, war es doch Absicht der Regierung, die KAU und ihre rasch zu­nehmende Anhängerschaft nach Mög­lichkeit dadurch zu diskreditieren, dass man ihr eine Verbindung zu den Gueril­lamorden an weißen Siedlern nachsag­te. Am 20. Oktober 1952 rief die Regierung den Notstand aus und ließ ver­schiedene KAU-Führer ins Gefängnis werfen. Im Jahr darauf stellte man sie, darunter auch Jomo Kenyatta, in Kapenguria vor Gericht und verurteilte sie zu sieben Jahren Zwangsarbeit. Es folgten Jahre der verzweifelten Revolte gegen die Kolonialregierung. Schreckensmeldungen über die Grausamkeit der Mau-Mau-Rebellen drangen in alle Welt. Doch die Fakten sprechen gegen diese Nachrichten: Waren es doch über 10 000 Kikuyu- und Mau-Mau-Rebel­len, die ihr Leben lassen mussten, dage­gen starben nur 95 Europäer. Und zehntausende Afrikaner wurden in Lagern interniert. Den Briten gelang so zwar die militärische Eindämmung der Re­volte, aber nur unter hohen Kosten und mit größter Brutalität. 1956 kam die Wende: Nun waren die Briten zu Gesprächen mit den Afrika­nern bereit. Der politische Kampf nahm diplomatische Formen an. Es gab eine Reihe von Treffen mit Vertretern aller beteiligten Gruppen, wobei allen klar war, dass es darum ging, das Klima für eine Unabhängigkeitserklärung unter einer gewählten Regierung zu schaffen. Der nun erarbeitete Littleton-Plan war zwar rassistisch geprägt, aber dennoch ein entscheidender Schritt zu einer angemessenen afrikanischen Vertretung in der gesetzgebenden Kammer. So durften nach der Wahl von 1957 acht weitere Afrikaner ihre Landsleute parlamentarisch vertreten, unter ihnen übrigens ein junger Aktivist namens Daniel Arap Moi, der sich um die KAU-Führer gekümmert hatte. Der Littleton-Plan wurde bald fallen gelassen, 1958 ersetzte man ihn durch die Lennox-Boyd-Verfassung, die die afrikanischen Sitze in der Kammer auf 14 erhöhte. 1959 formierte sich daher eine Vielzahl neuer afrikanischer Parteien, die die Unabhängigkeit und die Freilassung von Jomo Kenyatta und den anderen KAU-Führer forderten. Im April 1960 hob die Regierung die Notstandsverfügungen auf. Nun konnten die Unabhängigkeitsverhandlungen beginnen. Die Afrikaner durften danach 33 Vertreter in die gesetzgebende Kammer entsenden, wobei ihnen vier von 13 Ministerposten zugestanden wurden. Im Jahr 1960 entstand dann auch die Kenya African National Union, kurz KANU, unter der Führung von James Gichuru, und kurz darauf die konkurrierende Kenya African Democratic Union, KADU. Der Aufstieg der KADU wurde dadurch begünstigt, dass die kleineren Stämme befürchteten, die KANU - eindeutig dominiert von den starken Stammesgruppen der Wakikuyu und Luo - würde die Interessen der Minderheiten nicht vertreten. Schließlich einigten sich beide Parteien darauf, eine Koalitionsregierung zu bilden und die Ministerien paritätisch aufzuteilen. Im Mai 1963 fanden die ersten allgemeinen Wahlen statt. Die KANU siegte, und Jomo Kenyatta wurde erster Ministerpräsident. Das Land erhielt die Souveränität über die inneren Belange mit Ausnahme des Verteidigungsbudgets. Dies und die Außenpolitik blieben zunächst in den Händen der britischen Regierung. Erst am 12. Dezember 1963 erhielt Kenia die volle Unabhängigkeit. Jomo Kenyatta blieb Präsident bis zu seinem Tod am 22. August 1978.

Uhuru und Harambee
Uhuru und Harambee, Unabhängigkeit und Zusammenarbeit, waren die Parolen für die Entwicklung der heutigen Republik Kenia. Lange genug hatte man sich nach der Freiheit von der britischen Kolonialherrschaft gesehnt, doch die Schwierigkeiten, aus vielen Völkern einen Staat zu formen, waren nicht leicht zu überwinden. Die Zeit der Afrikanisierung begann. Auch die Umverteilung des Siedlungslandes war nicht unproblematisch. Zwar wurden im Rahmen einer Landreform 600 000 ha an etwa 50 000 Bauern verteilt, doch weitere angekündigte Zuweisungen blieben aus. Und große Farmen bekamen hauptsächlich reiche Kikuyu. Europäer wurden nicht enteignet, durften nur kein neues Land erwerben, und Asiaten erhielten keine neuen Geschäftslizenzen mehr, wenn sie nicht die kenianische Staatsbürgerschaft annahmen. Die Ablösung der Europäer aus den führenden Stellungen der Wirtschaft und Regierung vollzog sich nur langsam. Noch heute steht ihre zentrale Rolle in wichtigen Wirtschaftsbereichen in keinem vertretbaren Verhältnis zu ihrem Anteil an der Bevölkerung. Rivalitäten zwischen kapitalistischen und sozialistischen Parteiflügeln waren zur Zeit der jungen Republik ebenso an der Tagesordnung wie Stammesfehden. Unter großen Verlusten wurde 1964 ein Bürgerkrieg im Nordosten des Landes geführt, weil die Somali der von Somalia unterstützten Shifta-Bewegung ihre Unabhängigkeit gefordert hatten. 1969 kam es nach der Ermordung des Luo-Politikers Tom Mboya durch einen Kikuyu zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Luo und Kikuyu.
Die politischen Probleme Kenias waren mit der Unabhängigkeit nicht gelöst. Kritiker innerhalb der Regierung wurden ihrer Posten enthoben, Demonstrationen im Keim erstickt und Korruption war an der Tagesordnung. Angekündigte Wahlen wurden immer wieder verschoben. Als am 22. August 1978 Kenias erster Präsident Jomo Kenyatta im hohen Alter von 86 Jahren starb, wurde Daniel Arap Moi sein Nachfolger. Er kündigte den Kampf gegen Korruption und Vetternwirtschaft an und erließ eine Amnestie für politische Gefangene. Doch Wesentliches änderte sich nicht. So schritt auch jetzt wieder die Armee ein, als im Norden des Landes als Folge schwerer Hungersnöte Unruhen ausbrachen. 1982 wurde ein Putschversuch der Luftwaffe, den die Studenten der Universität Nairobi unterstützten, niedergeschlagen, und als Charles Njonjo, der mächtige Rivale Mois, wegen Korruption angeklagt und verurteilt wurde, begnadigte ihn Moi anschließend doch.
Die Durchsetzung der Demokratie bereitete unter Moi nach wie vor Probleme, und immer noch warf man dem Staat Menschenrechtsverletzungen vor.
Seit den Wahlen 1993 hat das Land ein Mehrparteiensystem. Bei den Präsidentschaftswahlen Ende Dezember 2002 gewann Mwai Kibaki und sein „Regenbogen-Bündnis" etwa zwei Drittel der Wählerstimmen. Der historische Machtwechsel, bei dem sich die korrupte Regierung um Daniel arap Moi geschlagen geben musste, verlief unerwartet friedlich. Der neue Präsident versprach umfassende Reformen und die Bekämpfung der Korruption im Land. An Kibaki wurden hohe Erwartungen gestellt, bisher konnte er sie nicht erfüllen. Korruption ist auch unter seiner Regierung nicht weniger geworden. Demonstrationen gegen die Regierung werden wie früher von Polizisten mit Hilfe von Tränengas zerschlagen. Bis auf die Einführung der kostenlosen Primarbildung bis zur 8. Klasse konnten unter Kibakis Koalition 2006 keine Wahlversprechen realisiert werden.

Schwierige Zukunft?
Trotz dieser Schwierigkeiten kommt Kenia im Vergleich mit seinen afrikanischen Nachbarn zwar relativ gut weg, gilt jedoch schon lange nicht mehr als eines der wirtschaftlich und politisch stabilsten Länder des Schwarzen Kontinents. Denn die sozialen Gegensätze sind auch hier nicht zu übersehen. Zwar gab es in Kenia keine Rassentrennung wie früher in Südafrika, aber dennoch kommt es nur sehr selten vor, dass z. B. ein Schwarzafrikaner eine Indischstämmige heiratet. Unübersehbar sind die Klassenunterschiede; arme Weiße oder arme Inder gibt es kaum, und auch der schwarze Geldadel ist mehr darauf bedacht, seine Pfründe zu mehren, als sich um den allgemeinen Wohlstand zu sorgen. Nur zu deutlich wird das an den feinen Wohnvierteln Nairobis, die im krassen Gegensatz zu den trostlosen Slums stehen. Das Erbe vergangener Jahrtausende, die reiche Tierwelt und die grandiose Landschaft machen Kenia dennoch zu einem faszinierenden Land, dessen gastfreundlichen Bewohnern man von ganzem Herzen wünschen kann, dass die Zukunft den Weg aus sozialen und wirtschaftlichen Nöten weisen wird.

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